Ostern

Weiter als Du blicken kannst

Ostern, weiter als Du blicken kannst

Ostern, weiter als Du blicken kannst

Bild: Marek Wykowski/Edith images

Das war noch gar nicht alles: An Ostern verschiebt sich der Horizont und das Leben nach dem Tod kommt in den Blick.

In der Antike waren die Grenzen der westlichen Welt durch die Säulen des Herakles markiert – eine stand auf dem europäischen Kontinent in Gibraltar, die andere auf dem afrikanischen, entweder in Algerien oder in Marokko. Bis hierhin konnte man reisen, bis hierhin reichte auch das menschliche Denken, die Erfahrung und das Wissen. Diese Grenzen haben sich in der Geschichte mehrfach verschoben: Zuerst durch Kolumbus, der Amerika bereiste und damit eine neue Welt erschloss, dann durch viele Entdecker nach ihm, die die Horizonte des menschlichen Denkens neu zogen.

Auch die Ostergeschichte erzählt von einer Grenzerfahrung deren Auswirkungen uns bis heute beschäftigen. In ihrem Kern geht es um den Menschen Jesus, der von den Römern zu Tode verurteilt und wie ein Verbrecher am Kreuz hingerichtet wird. Sie berichtet im Folgenden von mehreren unglaublichen Begebenheiten, die die Jüngerinnen und Jünger in der Zeit danach erlebt haben, von einem leeren Grab und dem Erscheinen Jesu im Kreis seiner erstberufenen Jünger am Abend des Ostertages. Das emotionale Spektrum ihrer Erfahrungen reicht dabei innerhalb weniger Tagen von tiefer Trauer, über Erschrecken und Furcht, Zweifel und Hoffnung bis hin zum Jubel und einer neuen Gewissheit des Glaubens. Wer die Texte der Evangelien heute liest, kann förmlich spüren, wie sich die Horizontlinie des Denkens langsam verschiebt und sich die Jüngerinnen und Jünger langsam an den Gedanken gewöhnen, dass Jesus den Tod überwunden hat. Wie sie mit ihrem Verstand ringen, der das Neue noch nicht fassen kann.
Mit Ostern beginnt eine neue Zeitrechnung. Der Verkünder Jesus wird fortan selbst zum Verkündeten, seine Jünger tragen den Glauben von der Jerusalemer Urgemeinde aus in alle Welt, weit über den Wirkungsbereich ihres Lehrers hinaus. Im Zentrum dieser Verkündigung steht bis heute die österliche Horizonterweiterung: Weil Jesus den Tod als Grenze des Lebens überwunden hat, dürfen auch diejenigen Hoffnung haben, die am Leben verzweifeln. Und wer die Hoffnung auf ein ewiges Leben in sich trägt, darf den Mut haben, gegen den Tod zu rebellieren. Der evangelische Theologe Christoph Blumhardt hat Christinnen und Christen markant als „Protestleute gegen den Tod“ bezeichnet. In ihrem Protest hinterlässt die österliche Hoffnung Spuren in dieser Welt: Sie ragt in ethische, ökologische, politische und soziale Bereiche herein, kann unbequem und herausfordernd sein. Wer diese Seite Osterbotschaft wahrnimmt, kann erleben, wie Gottes Wirken Horizonte verschiebt.


30.06.2014 / Kerygma