Advent

Auf dem Weg in einen neuen Tag

Advent, Auf dem Weg in einen neuen Tag

Advent, Auf dem Weg in einen neuen Tag

Bild: Navina Reus / Edith Images

Warum muss man auf die schönen Dinge des Lebens eigentlich immer so lange warten? Die Adventszeit kann unsere Geduld ganz schön auf die Folter spannen. Aber vielleicht hat das Warten ja auch einen Sinn …

Es muss eine große Enttäuschung gewesen sein, die die Kinder in der Vorweihnachtszeit des gerade reformierten Deutschlands erlebten. Im Zuge seiner theologischen Neuordnung hatte Martin Luther das beliebte Nikolausfest kurzerhand gestrichen und die Bescherung auf Heiligabend gelegt. Mit einem Mal mussten die Kinder in den reformierten Gebieten Deutschlands nun 24 Tage länger auf ihre Geschenke warten. Um den Kleinen eine Zählhilfe zu geben und die Wartezeit zu verkürzen, malten die Eltern 24 Kreidestriche an die Wand, von denen die Kinder täglich einen abwischen dürften. In wohlhabenderen Familien entwickelte sich der Brauch, jeden Morgen ein kleines Geschenk neben das Bett zu legen, oft handelte es sich dabei um eine Figur des Christbaumschmucks, die dann an den Baum gehängt wurde. Die Idee des Adventskalenders war geboren.

Das Warten hat in unserer Gesellschaft keinen besonders guten Ruf. Man assoziiert damit volle Wartezimmer und zweistellige Wartemarken, Staus oder eingefrorene Bildschirme. Wer wartet, erzeugt keinen gesellschaftlichen Mehrwert und steht im Verdacht, Zeit zu verschwenden. Von unseren Kindern können wir lernen, dass das Warten im Advent durchaus eine süße Last sein kann. Wer wartet, hält Ausschau auf etwas, das kommen wird, so lautet die etymologische Bedeutung. Von der Warte aus sucht man den Horizont nach den ersten Anzeichen ab, in der Vorfreude auf das, was kommt.

Vor dem Hochfest Weihnachten ist der Advent gewissermaßen eine Phase der Entschleunigung: Kein Ausbremsen sondern ein behutsames Langsamer-Werden. Zur turbulenten Weihnachtszeit ist diese stille Erwartungshaltung ein deutlicher Kontrapunkt und sicher eine große Herausforderung für den Einzelnen oder die Einzelne. Dieser außeralltägliche Charakter des Advents ist aber auch seine besondere Kraft: In der Stille werden die Grenzen des eigenen Alltags durchlässig für etwas Größeres. In der Erwartung des Christkindes schwingt auch die Hoffnung mit, dass diese Welt zu einem guten Ende finden wird.


15.07.2014 / Kerygma