Weihnachten

Einer von uns

Weihnachten, Einer von uns

Weihnachten, Einer von uns

Bild: iStockphoto/wangyangcn

Hatten Sie im Weihnachtsrummel schon mal das Gefühl, dass die ganze Welt Kopf steht? Da lagen Sie ganz richtig, denn die Weihnachtsgeschichte erzählt, wie eine Unterschichtsfamilie plötzlich ins Zentrum der Weltgeschichte rückt und der Schöpfer des Universums in einer Krippe zur Welt kommt.

Wie müsste man die Weihnachtsgeschichte erzählen, wenn sie in unserer heutigen Gesellschaft spielen würde? Der Kasseler Soziologe Heinz Bude antwortete auf diese Frage mit einer sehr ungewöhnlichen Besetzung: Maria wäre für ihn eine müde, allein erziehende Mutter, die jahrelang das Gefühl hatte, virtuos ihre Existenz zu managen und plötzlich merkt, dass sie am Rande ihrer Kräfte steht. Bude, der ein Buch über die Ausgeschlossenen unserer Zeit geschrieben hat, trifft mit seiner Übertragung einen zentralen Punkt, der im weihnachtlichen Trubel schnell untergeht: Was bleibt eigentlich von Weihnachten, wenn man den Glanz abzieht? Wenn man es nicht im Licht der Festbeleuchtung sieht, sondern mit der Lebenssituation einer jungen Unterschichtsfamilie im antiken Palästina in Verbindung bringt?

Jesus wurde in eine Situation geboren, die für viele Menschen der damaligen Zeit traurige Lebensrealität war: Oberschicht und Mittelschicht stellen im antiken Palästina gemeinsam etwa 10% der Gesamtbevölkerung während insgesamt 80% der Unterschicht angehören. Darunter gibt es noch mal 10%, die als Bettler oder Kranke außerhalb der Gesellschaft leben. Aus der Weihnachtsgeschichte wissen wir von zusätzlichen Problemen: Die Steuerpolitik des Kaisers zwingt die Familie, ihren Heimatort zu verlassen. In der Fremde geraten Joseph und Maria in eine prekäre Situation: Ohne soziales Netz und die notwendigen Mittel beziehen sie eine Bleibe am Rande der Gesellschaft. Kurz nach der Geburt Jesu, so steht es bei Matthäus, muss diese Familie dann vor Herodes flüchten. In dieser existenziellen Dimension ist die Weihnachtsgeschichte ein zeitloses Dokument. Die junge Familie, die sich Sorgen um ihre Existenz macht und sich bemüht, im erschöpfenden Alltag nicht unterzugehen, kommt der Realität vielleicht näher als die Festtagsstimmung.

Jesus ist seinen Wurzeln das ganze Leben lang treu geblieben. Auch wenn er als ein jüdischer Rabbi auftrat und mit anderen Gelehrten im Tempel theologische Diskussionen führte, wandte er sich immer zuerst an die Unterschicht. In seinen Gleichnissen verband er ethische Fragen mit klaren Bildern aus dem Alltagsleben der Handwerker und Tagelöhner, seine Nachfolger rekrutierte er aus der Schicht, aus der er selbst stammte. Vielleicht ist das ja die überraschendste Botschaft des Weihnachtsfestes: Jesus kommt als Normalo auf diese Erde. Er war, wie man heute sagen würde, einer von uns.


30.06.2014 / Kerygma