Passion

Alles dafür!

Passion, Alles dafür!

Passion, Alles dafür!

Bild: © Matthias Steffen / Edith Images

Das Fasten ist der Jahrtausende alte Weg zu uns selbst und zu Gott. Die Fastenzeit gibt uns die Gelegenheit, darüber nachzudenken, was uns wichtig ist und wofür wir unsere Kraft investieren.

In einem kleinen spanischen Dorf steht eine riesige Kathedrale. Über 55 Meter streckt sich das Mittelschiff in die Länge, seine blaue Kuppel ist 35 Meter hoch. Die beiden Türme der Westfassade enden als Baugerippe, sie werden bei der Fertigstellung etwa 58 Meter hoch sein. Wer genauer hinsieht, stellt fest, dass die Mauern aus einer wilden Sammlung aus Ziegelsteinen bestehen, die Säulen aus Beton wirken ungleichmäßig und zerklüftet, ein Madonnen-Bild ist aus einem Mosaik aus zersplitterten Glasstücken hergestellt. Die Kathedrale ist ausschließlich aus Müll gebaut und hat es als Kunstwerk bis in das Museum of Modern Art in New York geschafft hat. Noch viel erstaunlicher ist aber, dass sie das Werk eines einzigen Mannes ist: Der ehemalige Trappistenmönch Gallego Martínez arbeitet seit über 50 Jahren an dem Bau Jeden Tag 12 Stunden, außer sonntags.

Wir leben in einer Gesellschaft, in der die Möglichkeiten nahezu unbegrenzt sind. Die größtmögliche Freiheit erkaufen wir dabei mit einer größtmöglichen Flexibilität: Wer weiß schon, ob der Beruf, den man gerade ausübt, einen bis zum Lebensende begleiten wird? Wer kann sagen, ob die Partnerschaft länger als einen Lebensabschnitt währt? Jeder ergriffenen Möglichkeit stehen unendlich viele verpasste gegenüber, was man auch unternimmt – es fühlt sich doch so an, als würde man die Fülle des Lebens nicht voll ausschöpfen. In der Passionszeit werden wir an etwas erinnert, das uns verloren gegangen ist: die konzentrierte und vollständige Hingabe an eine Idee, an eine Beziehung, an einen Gott. Daran erinnert das Fasten, das in früheren Zeiten nicht nur das Osterfest einleitete: auch im Advent fastete man, um sich auf Weihnachten einzustimmen. Indem man auf Speisen oder Gewohnheiten verzichtet, begibt man sich auf eine Suche nach dem Wesentlichen: Was brauche ich wirklich in meinem Leben, woran habe ich mich nur gewöhnt? Wofür möchte ich meine Kraft investieren und was ist Kraftverschwendung? Solche Erfahrungen können Schlüsselmomente sein, die weit in den Alltag hineinreichen und manchmal sogar ein ganzes Leben verändern.

Als junger Mann war Gallego Martínez schwer an Tuberkulose erkrankt, die Krankheit zwang ihn schließlich, das Kloster noch vor seinem Gelübde wieder zu verlassen. Doch dann wurde Martínez wie durch ein Wunder geheilt. Am nächsten Tag fertigte er ein Modell der Kathedrale aus alter Pappe an und begann die Arbeiten an seiner Kathedrale. Seitdem hat er seinen Bau nicht mehr verlassen. Auch die Einladung zur Vernissage nach New York schlug er aus, immerhin hätte er dann einige Tage Arbeit verloren.


12.02.2015 / Kerygma