Karfreitag

Heute ist nicht für immer

Reiseziel: Ein neues Leben

Reiseziel: Ein neues Leben

Bild: Beatrice Jansen / Edith Images

Ein Abschied fällt schwer, erst recht von einem vertrauten Menschen. An Karfreitag zeigt sich, dass in jedem Abschied die Hoffnung auf einen Neuanfang liegt.

Menschen sind grundlegend auf die emotionale Bindung zu ihren Mitmenschen angewiesen. Jeder Abschied, so hat es der amerikanische Evolutionspsychologe Eric Klinger formuliert, kommt dabei einem psychischen Erdbeben gleich. Das gilt umso mehr, wenn die Abschiedssituation plötzlich eintritt und endgültig ist. Um sich die Situation der Jüngerinnen und Jünger vor Ostern vorstellen zu können, muss man sich die psychologische Dimension ihres Abschieds bewusst machen. Jesus war an Gründonnerstag wie ein König auf einem Esel in Jerusalem sitzend eingezogen und hatte damit bei vielen seiner Anhänger die Hoffnung gestärkt, dass das Reich Gottes ein politisches Reich sein könnte, das an die Stelle der römischen Fremdherrschaft rücken würde. Zudem waren die Jünger ihrem Meister aus den verschiedensten Lebenslagen heraus gefolgt und hatten Familien und Berufe hinter sich gelassen. Ihr Abschied war also nicht nur persönlicher Natur, das allein wäre wahrscheinlich schon schwer zu ertragen gewesen. Er bedeutete vielmehr auch die Enttäuschung eines Traums und die Aufgabe eines Lebensmodells.

Um die existentielle Bedeutung von Karfreitag zu verstehen, ist es wichtig, das Ende der Geschichte gedanklich nicht vorwegzunehmen. Die Jünger hatten an Karfreitag noch keine Ahnung von Auferstehung und Himmelfahrt. Ganz im Gegenteil: Ihre Hoffnungen verlieren an diesem Tag ihre Berechtigung, das Ziel, nach dem sie ihr Leben ausgerichtet hatten, fällt in sich zusammen. Der Schock, die innere Erstarrung, das Gefühl einer inneren Entfremdung – diese Erfahrungen machen wohl alle Trauernden. Darin rücken die Jüngerinnen und Jünger ganz nah an uns Menschen des 21. Jahrhunderts.

Warum ist Karfreitag trotzdem ein Feiertag? In der folgenden Osterzeit bis hin zum Pfingstwunder und dem Entstehen der Jerusalemer Urgemeinde zeigt sich, dass aus der Trauer etwas Neues entstehen kann. Auch wenn es in der Situation selbst nicht so scheinen mag, kann die Trauer durchaus produktiv sein: Im Verlust zeigt sich, was wirklich wichtig ist. Die Jünger sind in der Zeit nach der Trauer selbst über sich hinaus gewachsen und haben die Aufgabe ihres Lehrers weitergeführt. Bis in die heutige Zeit.


30.06.2014 / Kerygma